Suizidgefährdung

  • Zum Ausmaß der Suizidalität 
  • Ursachen suizidalen Verhaltens
  • Empfindungen suizidaler Menschen
  • Signale und Alarmzeichen
  • Wichtige Punkte bei der Beratung von Suizidgefährdeten 
  • Was brauchen Kinder und Jugendliche?

Zum Ausmaß der Suizidalität

In der Bundesrepublik Deutschland (alte und neue Bundesländer) haben sich im Jahr 2005 insgesamt 10260 Menschen (das sind mehr Suizidtote als Verkehrstote, Drogentote und Aidstote zusammen) das Leben genommen.
Davon waren unter 10 Jahren:1, 10 bis unter 15 J.: 24, 15 bis unter 20 J.: 314, 20 bis unter 25 J.: 436. Durch Erhängen und durch Sprung aus der Höhe sterben die meisten Menschen, die sich das Leben nehmen. Im Vergleich zu diesen Methoden sind bei den Suizidversuchen die Vergiftungen am häufigsten. Annähernd zwei Drittel aller Suizide werden von Männern begangen. Dies ist auch bei den Jugendlichen entsprechend.

Über Suizidversuche werden keine amtlichen Statistiken geführt. Eine Erfassung aller Suizidversuchshandlungen ist zudem sehr schwierig, weil nur ein Teil der suizidalen Handlungen, z. B. die, die in Krankenhäusern behandelt werden müssen, bekannt wird. Viele Suizidversuchshandlungen bleiben völlig unbehandelt und damit unbekannt. So kommen die Untersuchungen zur Häufigkeit von Suizidversuchen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Einigkeit besteht jedoch in generellen Aussagen wie der Feststellung, dass die Zahl der Suizidversuche in der Gruppe junger Menschen am höchsten ist. Man kann davon ausgehen, dass die Suizidversuche über alle Altersklassen hinweg ca. zehnmal so häufig sind wie die Suizide. Für die Gruppe junger Menschen kann man davon ausgehen, dass ca. 20 - 30 Suizidversuche auf einen Suizid kommen.

Suizidversuche werden zu zwei Dritteln von Frauen begangen. Wir verstehen Suizidversuche als einen Schrei nach Hilfe, so dass wir davon ausgehen, dass Frauen eher als Männer auch in zugespitzten Situationen in der Lage sind, um Hilfe zu rufen. Männer scheinen demgegenüber ihrer klassischen Rolle zu erliegen und seltener Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie kommen auch deutlich weniger in Beratungseinrichtungen.

Ein großes Problem besteht in der statistischen Erfassung und der damit verbundenen Dunkelziffer.

Die Berliner Ärztin Dr. Annemarie Wiegand stellte in einer Untersuchung der Todesfälle durch Suizid und ungeklärter Todesfälle fest, dass seit Mitte der 70er Jahre bei einem erheblichen Rückgang der Suizide die Zahl der Fälle mit ungeklärter Todesursache rasant anstieg. Nach Wiegand ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich unter den ungeklärten Todesfällen viele nicht erkannte Suizide befinden.

Eine neue Untersuchung von Dr. Schmidtke aus Würzburg kommt bei der Auswertung von Zeitreihen der Suizide junger Menschen zu dem Ergebnis, dass sich die positive rückläufige Entwicklung bei den Suiziden junger Menschen bei genauer Betrachtung als ein Artefakt herausstellt, da die erhebliche Zunahme von Todesfällen durch Drogen und durch Verkehrsunfälle bei jungen Menschen eine erheblich gestiegene Zahl verdeckter Suizide beinhaltet.

Auch wenn die Zahl der Suizide insgesamt sehr hoch ist, so sind dennoch Berichte von einem dramatischen Anstieg der Suizide zu verneinen.

Ursachen suizidalen Verhaltens

Zu Pubertät und Adoleszenz gehören Krisen. Ablösung, Brüche, Trennungen, körperliche Veränderungen, die Unsicherheit auslösen. Ambivalente Wünsche nach Unabhängigkeit und gleichzeitig nach Nähe und Geborgen-heit bedeuten Wechselbäder der Gefühle. Fragen wie: Warum lebe ich eigentlich? Werde ich überhaupt geliebt? Warum soll ich erwachsen werden? Wäre es nicht besser, mit allem Schluss zu machen? sind in dieser Zeit normal.

Es wird davon ausgegangen, dass mindestens zwei Drittel der Jugendlichen Suizidgedanken kennen. Wer ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln konnte, wird diese Zeit in der Regel unbeschadet überstehen.

Gefährdet sind diejenigen, die

  • in der Familie ungewünscht und ungewollt, emotional verwahrlost sind,
  • abgelehnt oder überfordert werden,
  • in einer gespannten Familienatmosphäre aufwachsen,
  • Gewalterfahrungen (physisch und/oder psychisch) machen, 
  • als Partnerersatz fungieren müssen,
  • bereits mehrere Trennungen und Brüche erfahren haben. Diese lang andauernden Belastungsfakto-ren bestimmen das Lebensgefühl der suizidgefährdeten jungen Menschen. Sie sind die Ursache für suizidales Verhalten.

Suizidale Menschen hatten häufig nicht die Möglichkeit, ein "stabiles Ich", einen "inneren Kern" zu entwickeln.

Auslöser sind aktuell belastende Situationen wie Liebeskummer, Trennung von Freund oder Freundin, Scheidung der Eltern, Todesfälle in der Familie, Gewalterfahrungen, Schulversagen. Solche Erfahrungen, kön-nen der letzte Tropfen" sein, der "das Fass zum Überlaufen bringt“.

Für die Außenstehenden wirken diese Anlässe oft banal und unverständlich. "Wegen so etwas bringt man sich doch nicht um". Für den Suizidgefährdeten sind sie aber auf dem Hintergrund seiner sonstigen Erfahrungen so kränkend und beschämend, dass er das Gefühl hat, damit nicht weiterleben zu können.

Empfindungen suizidaler Menschen

Suizidales Verhalten ist der Ausdruck einer Beziehungsstörung.

Suizidgedanken entstehen in Verbindung mit anderen Menschen. Negative Erfahrungen und Erlebnisse verdichten sich bei suizidalen Menschen zu einem Gefühl der Wertlosigkeit, sie fühlen sich oft ungeliebt, überfordert, hilflos, eingeengt. Sie empfinden ihre Probleme als unlösbar. In der Phantasie türmt sich vor ihnen ein unüberwindlicher Berg von Problemen auf und hinter ihnen droht der Abgrund.

Suizidales Verhalten ist ebenso ein Kommunikationsversuch, es ist der Versuch, mit anderen in Kontakt zu treten, den anderen zu zeigen, ,ich weiß nicht mehr weiter", der Wunsch, bemerkt zu werden. Er wird als Hilferuf ausgesandt, der dringend einen Empfänger sucht.

Die meisten jungen Menschen, die einen Suizidversuch unternehmen, wollen nicht wirklich tot sein, sie wollen ihre Ruhe haben, alle Probleme los sein. "Ich will eigentlich leben, aber so wie jetzt kann ich nicht mehr', ist ein häufiger Ausspruch. Oft nehmen sie das Risiko, an einem Suizidversuch zu sterben, in Kauf.

Jeder Suizidversuch sollte ernst genommen werden, auch wenn er nicht zu einer tatsächlichen Lebensbedrohung geführt hat. Die Erfahrung zeigt: wenn auf einen Suizidversuch kein Hilfsangebot folgt, wächst die Gefahr erneuter, lebensbedrohlicherer Versuche.

Suizidalität ist nicht erblich. Es gibt aber Familien, in denen sich Suizide oder Suizidversuche über mehrere Generationen hinweg häufen. Suizidales Verhalten wird in diesen Familien als "Problemlösungsstrategie" weitergegeben.

Ein Suizidversuch ist in den meisten Fällen kein Ausdruck einer psychiatrischen Erkrankung, sondern einer gravierenden Lebenskrise. Die Abgrenzung von dem Vorliegen eines psychiatrischen Notfalls z.B. bei akuten Psychosen, ist aber in der Praxis sehr wichtig. Beratungsstellen und Kriseneinrichtungen, die auf das Thema Suizidalität spezialisiert sind, können um Rat gefragt werden!

Signale und Alarmzeichen

Suizidgefährdung ist auf den ersten Blick nicht ohne weiteres zu erkennen.

Verschiedene Signale und Alarmzeichen können Hinweise auf eine mögliche Gefährdung geben.

  • Soziale Isolierung
    Suizidgefährdete Menschen ziehen sich häufig aus ihren bisherigen Beziehungen zurück. Bestehende Freund-schaften oder Beziehungen werden vernachlässigt oder abgebrochen. Für andere ist dieses Verhalten oft nicht nachvollziehbar.
  • Aggressiv abwehrendes Verhalten
    Die destruktiven Gefühle eines Suizidgefährdeten führen manchmal zu aggressivem, abwehrenden Verhalten gegen die Außenwelt. Sind die Reaktionen der anderen ebenso aggressiv, verstärken sich die negativen Gefühle.
  • Stimmungsschwankungen
    Die Stimmungen wechseln häufig zwischen übermütig überdreht und depressiv.
  • Veränderung der äußeren Erscheinung
    Mimik, Gestik, Stimme wirken ausdrucksarm, die äußere Erscheinung wirkt, anders als sonst, vernachlässigt.
  • Änderung des Essverhaltens mit starker Zu-  oder Abnahme des  Gewichts
  • Weglaufen von zu Hause
  • Vermehrter Alkohol , Drogenkonsum
  • Selbstverletzungen (Ritzen, Schneiden, Verbrennungen)
  • Vernachlässigung von bisherigen Interessen
  • Leistungsabfall, Schulverweigerung
  • Verbale Äußerungen
    "Mir ist sowieso alles egal", "Es wäre für alle besser, wenn es mich nicht mehr geben würde", "ich will nur noch in Ruhe gelassen werden"...
  • Schriftliche Äußerungen
    Testamentarische Verfügungen, Gedichte, Schulaufsätze, die sich mit dem Thema Tod auseinandersetzen, Abschiedsbriefe
  • Zeichnungen und Symbole
    Schwarze Kreuze, Gräber, deprimierende Bilder
  • Philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Suizid
  • Konkrete Handlungen
    wie das Sammeln von Tabletten, Beschäftigung mit der Wirkung von harten Drogen, Verschenken liebgewordener Sachen oder Haustiere
  • Körperliche Symptome
    Erschöpfung, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Schwindelgefühle

Das Auftreten einzelner der genannten Alarmzeichen muss kein Hinweis auf eine Suizidgefährdung sein. Es können Hinweise sein, besonders wenn eine Häufung wahrgenommen wird.
Ob tatsächlich eine Gefährdung besteht, kann ich nur erfahren, wenn ich das Gespräch suche, wenn ich den Mut habe, konkreter nach Suizidgedanken zu fragen.

Wichtige Punkte bei der Beratung von Suizidgefährdeten

Das Thema Suizidalität ist immer noch ein Tabuthema, das zahlreiche Emotionen weckt.

Vor einem möglichen "Krisengespräch" ist es sinnvoll, sich mit seinen eigenen Gefühlen zum Thema Suizid auseinander zu setzen. Gefühle von Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Ärger, Wut oder Schuldgefühle werden na-türlicherweise in demjenigen ausgelöst, der mit einem suizidalen Menschen konfrontiert ist. Sie sind es wert, wahrgenommen und ernst genommen zu werden. Während des Gesprächs ist es für uns selbst wichtig, mit diesen Gefühlen "in Kontakt' zu bleiben, die empfundene Angst um den anderen auch zu äußern, die eigenen Grenzen zu spüren. Allgemeingültige Rezepte für den Umgang mit suizidgefährdeten Menschen gibt es nicht, aber es gibt hilfreiche Leitlinien.

Vermieden werden sollte:

  • Mit dem suizidalen Menschen über den Sinn oder die Legitimation zu diskutieren.
  • Konkrete Lösungsvorschläge zu machen oder dem anderen die eigenen Vorstellungen vom Leben aufzudrängen.
  • Dem anderen die Verantwortung für sein Leben abnehmen zu wollen.
  • Aus Angst in Panik oder Aktionismus zu verfallen.
  • Sich in Schweigeversprechen einbinden zu lassen.
  • Angebote zu machen, die nicht eingehalten werden können.
  • Sich unter Druck setzen zu lassen.

Wichtig und hilfreich ist:

  • Dem anderen ruhig zuhören, geduldig und aufmerksam sein.

Konkret nach Suizidgedanken fragen:

  • Gibt es schon konkrete Vorstellungen (Wie, wann, wo?)
  • Was treibt Sie aus dem Leben?
  • Wer wird am meisten traurig sein?

(Wichtig für das Verständnis der Dynamik im Hintergrund. Es macht einen Unterschied, ob jemand glaubt, niemand würde ihm eine Träne nachweinen oder ob er meint, die anderen (z.B. ein Elternteil) würde seinen Suizid selbst nicht überleben.)


Je konkreter die Suizidgedanken sind, desto größer ist die Gefahr, desto mehr Handlungsbedarf besteht.

  • Wie stabil ist das "soziale Netz"?
  • Was könnte Sie im Leben halten?
  • Wie müsste das Leben sein, damit Sie weiterleben könnten?
  • Die Suizidphantasien zulassen und dem anderen zeigen "ich bin belastbar genug, ich lasse mich nicht mit in den Sog ziehen".
  • Begrenzte aber zuverlässige weitere Gesprächsangebote machen.

Die Angst, durch das Fragen nach Suizidgedanken den anderen erst auf den Gedanken zu bringen, sich das Leben zu nehmen oder einen Suizidversuch auszulösen, ist unbegründet!

Niemand wird durch Fragen danach auf den Gedanken kommen, wenn er sich nicht bereits damit beschäftigt hat. Das konkrete Nachfragen ermöglicht im Gegenteil, eine Chance zur Entlastung zu schaffen.

Es sind nicht die Gefühle des Gefährdeten, sondern die eigenen, die das konkrete Nachfragen verhindern.

Die Arbeit mit suizidgefährdeten Menschen gehört zu den belastendsten in der Beratungsarbeit. Es ist deshalb legitim, wenn sich die Berater selbst Rat und Unterstützung bei entsprechenden Einrichtungen holen.

 


Was brauchen Kinder und Jugendliche?

Kinder und Jugendliche brauchen vor allem:

  • stabile Beziehungen,
  • das Bewusstsein, wertvolle Menschen zu sein,
  • Achtung vor dem eigenen Leben und dem des anderen,
  • Möglichkeiten der konflikthaften Auseinandersetzung und
  • die Erfahrung von Grenzen, ohne entwertet zu werden.

 

Zum Online- Programm und zur Anmeldung der Fortbildungsakademie.

Das Programm 2017 (pdf)

Die nächsten Fortbildungen:

5.10.2017 und 6.10.2017
09:00 - 17:00
Borderline und Mutter sein – wie kann das gelingen? – ein Trainingsprogramm für Mütter mit Borderlinestörung
Sigrid Buck-Horstkotte, Diplom Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin (VT), Claudia Kertzscher, Diplomsozialpädagogin, Johanna Gabriel, Diplom Psychologin

13.10.2017 (ausgebucht!)
09:00 - 17:00
Suizidgefährdung bei jungen Erwachsenen - Hilfreiche Handlungsstrategien in der Betreuung
Eva Kohler, Diplom Pädagogin, Sozialtherapeutin, Leiterin TWG neuhland - Marco Saal, Diplom-Sozialpädagoge

19.10.2017 und 20.10.2017
09:00 - 17:00
Bindungsstörung als Folge von Bindungstraumen - Entstehung und hilfreiche Interventionen
Jutta Rahlf-Riermeier, Diplom Sozialpädagogin, Gestalttherapeutin

6.11.2017
09:00 - 17:00
Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen
Sibylle Löschber, Diplom Psychologin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Beratungsstelle neuhland

13.11.2017
09:00 - 17:00
Supervisions-Seminar "der schwierige Fall"
Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Universität Kassel, Autor diverser Sachbücher

16.11.2017
09:00 - 17:00 Uhr
Beratungsarbeit mit Männern
Björn Süfke, Diplom-Psychologe, Gesprächspsychotherapeut, Autor mehrerer Bücher zum Thema "Beratung von Männern"

17.11.2017
09:00 - 17:00 Uhr
Borderline - Beziehungsgestaltung unter erschwerten Bedingungen
Sigrid Meurer, Diplom Psychologin, psychologische Psychotherapeutin, Beratungsstelle neuhland

20.11.2017
09:00 - 17:00 Uhr
Einsatz von Dolmetschern in Beratung und Therapie
Claudia Kruse, Diplom-Sozialpädagogin, Gestalttherapeutin

23.11.2017 und 24.11.2017
9:00 - 17:00 Uhr
Essstörung - Chancen und Fallen im Umgang mit Betroffenen
Sylvia Baeck, Mitgründerin Dick und Dünn, Buchautorin zum Thema Essstörung

27.11.2017 und 28.11.2017
9:00 - 17:00 Uhr
Sicherheit gewinnen im Umgang mit destruktiven Seiten von Klient*innen. Oder: welchen Nutzen hat Aggression?
Claudia Ehlert, Soziologin, M. A., Supervisorin (DGSv) und Fortbildnerin mit Schwerpunkt Psycho-Traumatologie/Trauma-Pädagogik