Erklärungsansätze

Erklärungansätze zur Entstehung von Suizidabsichten und -handlungen

  • Soziologischer Erklärungsansatz
  • Medizinisch-psychiatrischer Erklärungsansatz
  • Psychoanalytischer Erklärungsansatz
  • Kommunikationstheoretischer Erklärungsansatz

Die Auseinandersetzung mit Selbsttötung und Selbsttötungversuchen hat die Menschheit im Laufe der Geschichte immer wieder beschäftigt. Das Thema Selbsttötung ist nicht nur in der medizinisch - psychiatrischen Wissenschaft behandelt worden. Die Kultur - und Literaturgeschichte hat sich, wie auch die Religionswissenschaften, die Soziologie und die Psychologie, in vielfältiger Weise mit diesem Thema auseinandergesetzt. Bereits in der Mythologie gehört der Selbsttötung zu den Ereignissen, die eine Tragödie einleiten oder auch beenden können.

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Soziologischer Erklärungsansatz

Die erste Bibliographie über den Selbsttötung erschien 1890 von Emilio Motta in italienischer Sprache. Im Jahre 1927 erschien, herausgegeben von Hans Rost, die erste deutschsprachige Bibliographie des Selbsttötungs.
Die Soziologie hat sich sehr früh der Erforschung des Suizides zugewandt. Die auch heute noch bedeutsame Arbeit "Der Selbsttötung" von Emile Durkheim (1897) beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung und der Entwicklung der Suizidhäufigkeiten. Durkheim kommt zu dem Schluß, dass die Suizidhäufigkeit um so größer ist, je mehr die gemeinsamen Werte in einer Gesellschaft auseinanderfallen und an Bedeutung verlieren; demgegenüber fällt die Suizidrate, wenn die Gesellschaft in hohem Maße gemeinsame Werte hat. Durkheim berichtete bereits 1896 von der relativ hohen Zahl von Kinder -/ Jugendlichensuiziden in Städten und schreibt: "Man darf nämlich nicht übersehen, dass auch das Kind sozialen Bedingungen unterworfen ist, die es durchaus zum Selbsttötung bestimmen können. Was diesen Einfluß sogar in dem vorliegenden Fall kennzeichnet, ist die Tatsache, dass Selbsttötunge von Kindern je nach Milieu verschieden sind. Sie sind nirgends so zahlreich wie in den großen Städten. Es ist doch so, dass das Leben in der Gesellschaft auch für das Kind früh anfängt, wie die Frühreife des kleinen Städters zeigt. Er ist früher und vollständiger der Zivilisation ausgesetzt und spürt früher und vollständiger ihre Wirkung. Daher kommt es auch, dass in den zivilisierten Ländern die Zahl der KinderSelbsttötunge mit beklagenswerter Stetigkeit wächst" (Durkheim, 1897, S. 95f).
Die soziologische Untersuchung der Verteilung von Suiziden in Städten war in den 20/30iger Jahren Inhalt der Forschung der Chicagoer Schule, wobei eine Suizidhäufung in den Zentren großer Städte festgestellt wurde.

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Medizinisch-psychiatrischer Erklärungsansatz

Die Psychiatrie hat sich bei der Behandlung Suizidaler lange Zeit auf die Vergabe von Psychopharmaka beschränkt. Durch Psychopharmaka und klinische Unterbringung allein ist jedoch der Suizidgefahr nicht zu entkommen, wie die hohe Zahl von Kliniksuiziden beweist. Die Suizidprophylaxe gewann erst spät an Bedeutung.
Die psychiatrische Grundauffassung, dass der Suizid der "Abschluß einer krankhaften Entwicklung" sei, wurde von dem Wiener Psychiater Prof. Dr. Erwin Ringel Anfang der fünfziger Jahre formuliert.
Ringel untersuchte 750 Krankengeschichten von suizidalen Patienten und formulierte aus den psychiatrisch beschriebenen Auffälligkeiten das präsuizidale Syndrom, eine Entwicklung, die schon einige Zeit vor dem Suizidversuch einsetzt und als Alarmzeichen einer suizidalen Gefährdung gesehen werden kann.
Das präsuizidale Syndrom umschreibt eine Trias aus Einengung, Aggressionsumkehr und Suizidphantasien. Die Einengung beschreibt eine regressive Bewegung, in der sich innere und äußere Entwicklungsmöglichkeiten immer mehr reduzieren, die Gefühlswelt zunehmend von Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit bestimmt ist. Sie umfaßt eine affektive Einengung, sowie eine Einengung der Beziehungen mit der Tendenz zur Entleerung und Entwertung der Beziehungen.
In Verbindung mit einer gehemmten und gegen die eigene Person gerichteten Aggression kommt es zur Flucht in Selbsttötungphantasien, die immer drängenderen Charakter annehmen. "In der Verfassung sein, die das präsuizidale Syndrom beschreibt, heißt, dass es nur noch ein Thema gibt, das den Menschen leidenschaftlich bewegt, seine Selbsttötung oder besser gesagt, die phantasierte Rettung seines Selbst durch die Vernichtung der Identität im Suizid" ( Schnell, 1993, S.149 ) Die diesem Modell zugrundeliegenden psychoanalytischen Erkenntnisse fließen in Ringels eigener Arbeit in der Selbsttötungprophylaxe ein.

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Psychoanalytischer Erklärungsansatz

Die Psychologie hat sich dem Problem der Depression und des Selbsttötunges mit der Arbeit von Freud zu "Trauer und Melancholie" (1916) und in bezug auf Kinder und Jugendliche mit der Debatte über die SchülerSelbsttötunge in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung zum Beginn dieses Jahrhunderts angenommen. Die Psychoanalyse verstand den Selbsttötung zunächst hauptsächlich im Zusammenhang mit einer depressiven Störung. Der Depressive ist an einen Menschen in ambivalenter Weise (in Liebe und Haß) gebunden. Kommt es zu einem realen oder phantasierten Verlust des Objekts, kann die entstehende Aggression nicht nach außen gerichtet werden. Vielmehr wird das ambivalent besetzte Objekt in das Ich introjiziert. Die Aggression, die dem Objekt gilt, wird dann gegen das Selbst gewandt und äußert sich in Selbstanklagen, Selbstvorwürfen und Suizidalität.
Spätere analytische Arbeiten setzen sich intensiv mit der narzistischen Krise als Ausgangspunkt suizidaler Handlungen auseinander (vgl. Henseler, 1974). Entscheidender Faktor ist dabei nicht mehr die nach innen gerichtete Aggression, sondern die Beeinträchtigung des narzißtischen Gleichgewichts als Regulativ des Selbstwertgefühls in der suizidalen Krise. Der Mensch in der narzißtischen Krise ist in seinem Selbstwertgefühl so stark beeinträchtigt, dass alle Verluste und Kränkungen als Katastrophe erlebt werden. Das narzißtische Gleichgewicht, d.h. die grundsätzliche Überzeugung trotz aller Versagens - und Kränkungserlebnisse ein akzeptabler Mensch zu sein, ist zunehmend labil geworden und droht zusammenzubrechen. Das Gefühl, nichts wert zu sein, nichts mehr leisten zu können, für niemanden mehr wichtig zu sein, wird immer dominanter. Ständig durch das Erleben von Hilflosigkeit und Ohnmacht, von der Angst sowie dem Schwinden aller Hoffnungen bedroht, wird versucht, sich durch den Rückzug aus sozialen Kontakten vor dem weiteren Zusammenbruch zu schützen. Der Suizidale sieht sich dem Leben in der Auseinandersetzung und Konflikthaftigkeit nicht mehr gewachsen. Konflikte werden als unerträgliche Zumutung äußerer Lebensumstände oder Bezugspersonen empfunden.

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Kommunikationstheoretischer Erklärungsansatz

Vom Standpunkt der Kommunikationtheorien wird dem Appell-Charakter des Suizidversuches besondere Bedeutung beigemessen. Die suizidale Handlung wird als Kommunikationsversuch verstanden; es soll jemandem etwas mitgeteilt werden, was nicht in Sprache gefaßt werden kann. Alle Erfahrungen weisen darauf hin, dass in dem Prozeß der Entwicklung bis zum Suizidversuch mehrere Faktoren wirksam werden. Die Schwierigkeit, aggressive Regungen gegen andere Menschen bei sich selbst zu akzeptieren und deutlich werden zu lassen, geht einher mit einer zunehmenden Verunsicherung des Selbstbewußtseins und Selbstwertgefühls. Gleichzeitig wird eine Beziehungsstörung wirksam, die es immer schwieriger macht, sich selbst zu verstehen und sich anderen Menschen verständlich zu machen. Der Selbsttötung wird dann zu einem Zeichen, einem Appell, der die abgebrochene Kommunikation wieder herstellen soll. Die Drohung, durch einen Suizid jede Beziehung abzubrechen, zielt paradoxerweise darauf, Beziehungen neu zu beleben.
Suizidalität ist keine Krankheit, sondern Symptom einer zugrundeliegenden Beziehungsstörung, die in ihrem Ausmaß und in ihrer Dynamik in sehr unterschiedlicher Weise gestaltet sein kann.

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Das Programm 2017 (pdf)

Die nächsten Fortbildungen:

8.9.2017
09:00 - 17:00
Das Wesen von Aggression verstehen und erfolgreich (be)handeln - Drei Ausgänge um aggressive Ausbrüche zu verhindern
Jutta Rahlf-Riermeier, Diplom Sozialpädagogin, Gestalttherapeutin

22.9.2017
09:00 - 17:00
Arbeit mit der Gruppe – Pädagogische und therapeutische Herausforderungen
Claus-Peter Rosemeier, Diplom-Psychologe, Psycholog. Psychotherapeut, Familien- und Gruppentherapeut, - Anke Rabe, Dipl. Sozialpädagogin und psychoanalytisch-interaktionelle Gruppenpsychotherapeutin

29.9.2017 und 30.9.2017
09:00 - 17:00
Ängste und Depressionen bei Kindern erkennen
Hilde Gött, Diplom Sozialpädagogin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

5.10.2017 und 6.10.2017
09:00 - 17:00
Borderline und Mutter sein – wie kann das gelingen? – ein Trainingsprogramm für Mütter mit Borderlinestörung
Sigrid Buck-Horstkotte, Diplom Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin (VT), Claudia Kertzscher, Diplomsozialpädagogin, Johanna Gabriel, Diplom Psychologin

13.10.2017
09:00 - 17:00
Suizidgefährdung bei jungen Erwachsenen - Hilfreiche Handlungsstrategien in der Betreuung
Eva Kohler, Diplom Pädagogin, Sozialtherapeutin, Leiterin TWG neuhland - Marco Saal, Diplom-Sozialpädagoge

19.10.2017 und 20.10.2017
09:00 - 17:00
Bindungsstörung als Folge von Bindungstraumen - Entstehung und hilfreiche Interventionen
Jutta Rahlf-Riermeier, Diplom Sozialpädagogin, Gestalttherapeutin

6.11.2017
09:00 - 17:00
Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen
Sibylle Löschber, Diplom Psychologin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Beratungsstelle neuhland

13.11.2017
09:00 - 17:00
Supervisions-Seminar "der schwierige Fall"
Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Universität Kassel, Autor diverser Sachbücher