Suizid in der Schule

Handlungsmöglichkeiten nach einem Suizid

Die Auseinandersetzung mit einem vollendeten Suizid gehört glücklicherweise nicht zum Schulalltag. Ein erfolgter Suizid bedeutet jedoch immer eine Ausnahmesituation für Schüler und Lehrer. Das konkrete Handeln in einer solchen Situation ist abhängig von der Klassensituation und dem Hintergrund des Suizidgeschehens. Dennoch lassen sich einige Handlungsmöglichkeiten beschreiben.

 

Wie auch bei anderen Trauererfahrungen setzt zunächst eine Verleugnung ein. Es liegt nahe, das Geschehen erst einmal nicht wahrzunehmen, darüber hinwegzugehen. Die Betroffenen reagieren mit Abwehr, wollen die entstehenden Gefühle von sich fernhalten: "Es kann nicht wahr sein", "Das ist nur ein Traum".

In dieser ersten Phase nach dem Bekannt werden des Suizids gibt es zunächst keine andere Handlungsmöglichkeit für den Lehrer, als seine eigenen Gefühle und Reaktionen wahrzunehmen, innezuhalten, Hilflosigkeit und Entsetzen zuzulassen, über das Geschehene nicht hinwegzugehen. Es ist verständlich, wenn Lehrer aus dem Gefühl der Hilflosigkeit heraus zunächst den Impuls haben, im Programm fortfahren zu wollen. Wir haben für solche Situationen keine abrufbaren Handlungsmodelle. Es ist für den Lehrer nicht einfach, auf die besondere Situation einzugehen und gleichzeitig für das Verbleiben in der Alltagsrealität zu sorgen.

Hilfreich ist es für die Schüler, wenn der Lehrer verbalisieren kann, dass er sich hilflos fühlt, erschüttert ist und dass er auch keine Erklärung hat. Der Lehrer muss nicht sofort eine Lösung dafür finden, wie er das Geschehen mit den Schülern aufarbeitet und Traumata abwendet. Um es den Schülern zu ermöglichen, ihre Gefühle zu verbalisieren, sollte ausreichend Zeit zur Verfügung stehen. Der Auseinandersetzung in der Klasse kommt eine wichtige suizidpräventive Bedeutung zu. Die Schüler müssen die Möglichkeit haben, ihrer Gefühle zu äußern. Gefühle von Trauer, aber auch von Wut, sowohl auf den Toten als auch auf die vermeintlich Schuldigen (Eltern, Lehrer, Freunde) müssen zugelassen werden und ihren Platz erhalten.

Nach einem Suizid besteht immer die Gefahr von Nachahmung durch andere gefährdete Schüler. Hier kann es u. U. lebensrettend sein, den Schülern zu vermitteln, dass es Hilfe in Krisensituationen gibt und über solche Gedanken gesprochen werden darf.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Auseinandersetzung mit der Schuldfrage. Schülern sollte auch vermittelt werden, dass es nicht darum geht, einen Schuldigen zu finden, dass die Frage nach der Schuld nicht dem Verstehen dient. Auch wenn das Bedürfnis, eine Erklärung zu finden, verständlich ist, wird dieses im Nachhinein nicht gelingen. Es ist wichtig zu betonen, dass niemand die Schuld für den Suizid trägt. Von Bedeutung ist vielmehr, wie die Schüler und Lehrer mit dem Geschehen zurechtkommen, wie sie die Realität anerkennen und andere Handlungsmöglichkeiten in Krisensituationen erlernen können.

Durch das oben beschriebene frühzeitige Aufgreifen des Geschehens wird das Bedürfnis nach "spektakulären" und schuldentlastenden Maßnahmen (z. B. große Trauerfeiern, das Einrichten des leeren Platzes zum Altar, was die Gefahr der Glorifizierung des Toten beinhaltet), eher geringer. Eine stabilisierende Form der Auseinandersetzung mit dem für alle belastenden Ereignis wird so ermöglicht.

In der Folgezeit sollte der Unterricht normal fortgesetzt werden mit der Möglichkeit, begrenzte Gespräche über die weiterhin ausgelösten Gefühle einzuschieben. Wahrscheinlich werden die Schüler nach der ersten Phase der Auseinandersetzung versuchen, das Geschehene wieder zu verdrängen, sie wollen nicht mehr darüber sprechen und reagieren sehr abwehrend auf das Thema Suizid. Das sind normale Reaktionen, die akzeptiert werden sollten. Erfahrungsgemäß wird das Thema nach einiger Zeit wieder zur Sprache kommen, dann wird es eventuell möglich, sich mit etwas Distanz neu zu nähern. In dieser Phase kann es sinnvoll sein, mit den Schülern in Gruppen Einrichtungen zu besuchen, die Beratung und Hilfe in Krisensituationen anbieten.

  

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